Redner(in): Frank-Walter Steinmeyer
Datum: 29.08.2016

Untertitel: Rede von Au├čenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Er├Âffnung der Botschafterkonferenz 2016
Anrede: Lieber Witold Waszczykowski,lieber Jean-Marc Ayrault,meine Damen und Herren Abgeordnete,verehrte G├Ąste,liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
Quelle: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2016/160829_BM_Boko.html


Exzellenzen,

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. In solchen Zeiten braucht es Selbstvergewisserung und Orientierung. Darum soll es in den kommenden Tagen gehen, wenn wir gemeinsam ├╝ber die Verantwortung, die Interessen und die Instrumente deutscher Au├čenpolitik diskutieren. Ich freue mich auf diesen Austausch!

Es ist mir eine ganz besondere Freude, dazu heute meinen polnischen und meinen franz├Âsischen Kollegen, Witold Waszczykowski und Jean-Marc Ayrault, und zahlreiche weitere G├Ąste aus Warschau und Paris begr├╝├čen zu k├Ânnen. Ihnen allen, meine Damen und Herren: herzlich willkommen!

Unsere Herausforderungen in einer un├╝bersichtlichen Welt standen auch gestern in Weimar auf der Tagesordnung, wo Witold, Jean-Marc und ich zusammengekommen sind zum 25. Jahrestag der Gr├╝ndung des Weimarer Dreiecks. Und wenn wir uns einen Augenblick zur├╝ckerinnern, dann wird deutlich, dass die Zeit, in der das Weimarer Dreieck 1991 begr├╝ndet wurde, auch eine unruhige Zeit war. Die Mauer war gefallen, die deutsche Einheit Wirklichkeit geworden, aber der Zerfall der Sowjetunion war noch in vollem Gange. Es war eine Zeit, in der es ebenfalls um Orientierung ging, um den besten Weg in eine offene Zukunft. Damals waren es Krzysztof Skubiszewski, Roland Dumas und Hans-Dietrich Genscher, die sich zur Verantwortung Polens, Frankreichs und Deutschlands f├╝r das Zusammenwachsen eines allzu lange geteilten Europas bekannten.

Erlauben Sie mir, dass ich diesen Moment nutze, um drei herausragende Politiker zu w├╝rdigen, f├╝r die das Zusammenwachsen Europas nie nur politische Aufgabe, sondern eine Herzensangelegenheit war und die diesem Haus und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eng verbunden waren. Alle drei haben wir innerhalb des letzten Jahres verloren: Wir trauern um Walter Scheel, der letzte Woche verstarb, und der in schwierigen Zeiten gemeinsam mit Willy Brandt einer der Wegbereiter der deutschen Ostpolitik war. Er hat unser Land gepr├Ągt mit einer Politik, die den Weg ebnete f├╝r die mutigen und entschlossenen Schritte, die sp├Ąter Hans-Dietrich Genscher unternahm, und die unser Land zur Wiedervereinigung f├╝hrten. Auch Genscher, diesen gro├čen Europ├Ąer, haben wir in diesem Jahr verloren. Und Guido Westerwelle ist von uns gegangen viel zu fr├╝h - ein Politiker mit Leib und Seele, der sich mit Leidenschaft und Mut f├╝r die europ├Ąische Idee stark gemacht hat. Wir gedenken dieser drei deutschen Au├čenminister und herausragenden Europ├Ąer.

Heute, meine Damen und Herren, ist es unsere Verantwortung und unsere Chance, Europa in diesen unruhigen Zeiten erneut Orientierung zu geben. In einer Zeit, in der die Gleichzeitigkeit der Krisen und ihre explosive Dynamik uns atemlos und bisweilen fast ratlos macht - Syrien, Libyen, Irak, Jemen, Ukraine, um nur die dr├Ąngendsten zu nennen.

Allein in diesem Sommer wurden wir durch eine ganze Kette ersch├╝tternder Terroranschl├Ąge heimgesucht von Nizza und Rouen bis nach Kabul, von den USA ├╝ber die T├╝rkei bis nach Thailand. Und nach Ansbach und W├╝rzburg ist die Sorge vor dem Terror nun auch hier bei uns in Deutschland greifbar geworden eine Bedrohung, der sich unsere franz├Âsischen Freunde sp├Ątestens seit den grausamen Anschl├Ągen in Paris im Januar und November vergangenen Jahres ausgesetzt sehen.

Unser wichtiger Partner T├╝rkei ringt mit den Folgen eines blutigen Putschversuchs. In der Ostukraine ist die vereinbarte Waffenruhe so br├╝chig und es sterben so viele Menschen wie seit vielen Monaten nicht mehr. Im S├╝dsudan droht ein Aufflammen des grausamen B├╝rgerkriegs. Und jeden Tag werden wir in ersch├╝tternden Bildern Zeuge des ├ťberlebenskampfes der Menschen in Aleppo im sechsten Jahr des B├╝rgerkriegs in Syrien, der Millionen heimatlos und zu Fl├╝chtlingen gemacht hat. Ich will hier gar nicht mehr sagen zum amerikanischen Pr├Ąsidentschaftswahlkampf, als ich es schon an anderer Stelle getan habe. Klar ist: Der Wahlkampf in den USA ist so unruhig wie ungew├Âhnlich, aber von seinem Ausgang h├Ąngt f├╝r uns alle enorm viel ab.

Unruhig sind die Zeiten aber auch in Europa selbst. Mit dem bitteren Ausgang des britischen Referendums ├╝ber den Verbleib in der EU ist das lange Zeit Unvorstellbare Wirklichkeit geworden. Die vermeintliche Unumkehrbarkeit des europ├Ąischen Einigungsprozesses mag noch Wunsch und Wille sein. Garantie aber gibt es f├╝r diese Unumkehrbarkeit nicht mehr. F├╝r viele Menschen hat der Magnet des europ├Ąischen Einigkeitsprozesses an Kraft verloren.

Gleichzeitig ziehen enorme Fliehkr├Ąfte an unserer europ├Ąischen Gemeinschaft. Wir erleben den Aufwind alter Nationalismen, die unseren Zusammenhalt testen. Eine Politik des Ressentiments und der Angst wird hier und da wieder popul├Ąr. Politische Bewegungen instrumentalisieren die Sorgen der Bev├Âlkerung f├╝r enge, eigenn├╝tzige, andere ausgrenzende Zwecke. Institutionen wie die EU werden zur Projektionsfl├Ąche eines weitverbreiteten Unbehagens an der Globalisierung.

Das gibt viel Anlass zur Sorge - es sollte uns aber auch Anlass sein, f├╝r dieses geeinte Europa zu streiten und zu k├Ąmpfen. Die Vernunft und die besten Argumente sollten dabei unsere sch├Ąrfste Waffe sein.

Dass die EU zu entschiedenem und auch wirkungsvollem Handeln in der Lage ist, hat sie etwa mit der Vereinbarung mit der T├╝rkei in diesem Jahr unter Beweis gestellt. Es ist kein Geheimnis, dass die T├╝rkei kein einfacher Partner ist, dass wir manche Entwicklungen, auch nach dem gl├╝cklicherweise gescheiterten Putsch, kritisch bewerten. Aber wahr ist auch, dass eine menschenw├╝rdige Sicherung der EU-Au├čengrenzen ohne eine enge Zusammenarbeit mit der T├╝rkei schwer vorstellbar ist. Das deutsch-t├╝rkische Verh├Ąltnis hat eine einzigartige Dimension durch Millionen Menschen t├╝rkischer Herkunft, die heute in Deutschland ihre Heimat haben. Aber es ist in unserem eigenen Interesse, dieses Verh├Ąltnis auch in Zukunft in eine starke EU-T├╝rkei-Beziehung einzubetten.

Aber wenn wir ├╝ber Europa und seine Handlungsf├Ąhigkeit sprechen, lassen Sie uns ganz ehrlich sein: auch zwischen uns, die wir im Weimarer Dreieck freundschaftlich verbunden sind, gibt es unterschiedliche Vorstellungen ├╝ber die Zukunft Europas und ├╝ber die angemessene Interpretation europ├Ąischer Solidarit├Ąt. Wir kommen nicht zusammen, weil wir uns bereits in allem einig sind, sondern weil wir wissen, dass es mit Europa nur vorangehen kann, wenn wir uns auf gemeinsame Orientierungen einigen k├Ânnen. Dass dieser Konsens trotz sehr unterschiedlicher Ausgangspunkte durch den best├Ąndigen Austausch wachsen und gelingen kann, daf├╝r ist die Geschichte der deutsch-franz├Âsischen Zusammenarbeit seit Jahrzehnten ein eindrucksvolles Beispiel. Das kann und soll uns auch im Weimarer Dreieck gelingen - als einem wichtigen Forum f├╝r den Austausch ├╝ber die globalen Herausforderungen. Der erste "Weimar Workshop" zur europ├Ąischen Chinapolitik, der heute Nachmittag polnische, franz├Âsische und deutsche Diplomaten versammeln wird, ist Ausdruck des Potenzials, das diese Zusammenarbeit auch f├╝r unsere gemeinsame Zukunft hat. Ich bin Witold Waszczykowski dankbar, dass er f├╝r eine intensivere Zusammenarbeit im Weimarer Dreieck gestern Vorschl├Ąge gemacht hat.

Meine Damen und Herren,

In seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" beschreibt Robert Musil die innere Ersch├╝tterung einer Welt in Unordnung der Welt vor hundert Jahren - und findet daf├╝r ein anschauliches Bild: "Wie wenn ein Magnet die Eisensp├Ąne losl├Ąsst und sie wieder durcheinandergeraten."

Dieses Bild der Weltlage trifft wohl auch das Empfinden vieler Menschen hier in Deutschland, vermutlich auch in Frankreich und Polen, und vieler Menschen weit ├╝ber Europa hinaus. In meinen Gespr├Ąchen nehme ich tiefe Verunsicherung wahr angesichts der vielen Krisen und Konflikte in unserer Nachbarschaft."Augen zu" oder "Fernseher aus" funktioniert nicht. Sinnbildlich hierf├╝r stehen die Fl├╝chtlinge, die zu Hunderttausenden nach Europa kamen. Neben vielen anderen hat auch dieses Haus gro├če Anstrengungen unternommen, zur Bew├Ąltigung dieser Krise beizutragen. Das gilt f├╝r buchst├Ąblich alle Abteilungen, f├╝r zahllose Auslandsvertretungen, und allen voran f├╝r die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Visastellen in der Region in Ankara, in Beirut, in Erbil und anderen Orten. F├╝r diese Leistungen, f├╝r dieses Engagement will ich Ihnen hier und heute meinen ausdr├╝cklichen Dank und meine Anerkennung sagen.

Aber das Bild des Magneten, dessen strukturierende Anziehungskraft schw├Ącher wird, wom├Âglich abhandenkommt - aus f├╝r uns in diesem Moment vielleicht nur unvollkommen und ansatzweise erkennbaren Gr├╝nden - beschreibt auch recht gut die Herausforderung, vor der wir, die Au├čenminister und Diplomaten gro├čer europ├Ąischer Demokratien wie Deutschland, Frankreich und Polen in diesen Zeiten stehen.

Die Krisen und Verwerfungen innerhalb Europas reflektieren die Unruhe um uns herum, ja stehen oftmals gar in dynamischer Beziehung zu den Konflikten und Problemen in der europ├Ąischen Nachbarschaft. Das gilt mit Blick auf das Mittelmeer und die wachsende Herausforderung durch fragile und zerfallende Staaten in unserer s├╝dlichen Nachbarschaft. Dass das auch mit Blick nach Osten gilt, wusste schon Egon Bahr, der pr├Ągnant formulierte: "Amerika ist unverzichtbar, Russland ist unverr├╝ckbar."

Wir k├Ânnen uns ein un├╝bersehbar schwieriger gewordenes Russland nicht einfach weiter weg w├╝nschen. Wir m├╝ssen vielmehr einen Weg finden, um aus einer Phase der Konfrontation und der wachsenden Spannungen wieder zu einem belastbaren Verst├Ąndnis gemeinsamer Sicherheit zu gelangen. Wir waren da - die ├älteren erinnern sich - in Europa schon mal weiter. KSZE und die Schlussakte von Helsinki spiegeln ja die Erfahrung wider, dass eigene Sicherheit sich auf Dauer nicht ohne oder gegen die regionalen Nachbarn organisieren l├Ąsst. Und diese Erfahrung sollten wir nicht leichtfertig aufgeben. In dieser Welt gef├Ąhrlicher und komplexer Konfliktlagen ist sie vielleicht heute sogar aktueller denn je. Innerhalb und au├čerhalb Europas!

F├╝r unsere Sicherheit hier im Herzen Europas ist die enge Partnerschaft mit Amerika und die transatlantische Allianz auch k├╝nftig unverzichtbar. Und lassen Sie mich pers├Ânlich hinzuf├╝gen: die intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit John Kerry zu praktisch allen dr├Ąngenden Fragen unserer Au├čenpolitik geh├Ârt f├╝r mich zu den Gl├╝cksf├Ąllen dieser Jahre.

Um in diesen Zeiten Orientierung zu geben und verantwortlich zu gestalten, was in unseren M├Âglichkeiten liegt, braucht die deutsche Au├čenpolitik einen dreifachen Fokus:

Erstens eine aktive und engagierte Krisenpolitik, die wir mit hohem diplomatischen Einsatz f├╝hren.

Das sage ich f├╝r unsere Deeskalations- und Vermittlungsbem├╝hungen in der Ostukraine und gegen├╝ber Russland. Dieser haben wir mit den ausgewogenen Beschl├╝ssen des NATO-Gipfels von Warschau im Juli ein festes Fundament von R├╝ckversicherung und Abschreckung einerseits und Dialogangeboten andererseits gegeben.

Das gilt aber weit dar├╝ber hinaus auch in Syrien, in Libyen und an anderen Konfliktherden. Daf├╝r haben wir mit tatkr├Ąftiger Unterst├╝tzung des Deutschen Bundestages - unsere Mittel und Instrumente ausgebaut und gesch├Ąrft, von der humanit├Ąren Hilfe ├╝ber die Krisenpr├Ąvention und die Stabilisierung in Konfliktsituationen, bis hin zum Ausbau unserer Mediationsf├Ąhigkeiten.

Wir engagieren uns in der Internationalen Syrien-Kontaktgruppe und unterst├╝tzen die Bem├╝hungen Staffan de Misturas, alle Optionen f├╝r einen politischen Verhandlungsprozess auszuloten und daf├╝r den Weg zu bereiten. Wir sind einer der gr├Â├čten Geber bei der Stabilisierung IS-befreiter Gebiete in Syrien und im Irak und bei der Bereitstellung von Humanit├Ąrer Hilfe.

Deutschland hat sein Engagement in Mali stark ausgebaut. Deutschland engagiert sich bei der Unterst├╝tzung des Friedensprozesses in Kolumbien dem Land, in dem neben Syrien die meisten Menschen Haus und Heimat verloren haben.

All diese Prozesse brauchen einen langen Atem und bisweilen auch eine erhebliche Frustrationstoleranz. Aber sie bieten eine Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden wenn man es denn versucht und tut, statt nur lautstark das Bessere zu fordern. Ja, es m├╝hsam sein, immer wieder ├╝ber Stunden in stickigen Konferenzr├Ąumen um tragf├Ąhige Kompromisse zu ringen. Und dann auch R├╝ckschl├Ąge zu erfahren. Aber so ist Diplomatie. Sie eilt nicht von Sieg zu Sieg. Mit Rechthaben allein kommt sie nicht voran. Gute Diplomatie im Dienste der Menschen macht man nicht mit dem Megaphon, sondern mit dem Blick f├╝rs M├Âgliche und mit klugen, oft genug unvollkommenen Kompromissen mit dem Iran, mit Rebellen in Kolumbien, in Arbeitsgruppen des Minsk-Prozesses.

Zweitens brauchen wir einen wachen Blick f├╝r die gr├Â├čeren Zukunftsfragen der internationalen Ordnung jenseits der Atemlosigkeit der Krisendiplomatie.

Wir m├╝ssen uns die Zeit nehmen, an kreativen Ans├Ątzen zu arbeiten, die internationale Ordnung langfristig zu st├Ąrken, dem Magnet wieder Kraft zu geben und ihn richtig, gegebenenfalls auch neu, auszurichten.

Aus dieser Motivation heraus haben wir den OSZE-Vorsitz 2016 ├╝bernommen, in dem wir neben der Krisendiplomatie eben auch dieser ganz Europa und den Atlantik umfassenden Organisation neue Impulse zu geben versuchen. Demn├Ąchst mit einer Zusammenkunft der Au├čenminister in Potsdam.

Dazu geh├Ârt auch eine neue R├╝stungskontrollinitiative, die wir ansto├čen wollen. Die Zeit ist reif, um den Risiken einer neuen R├╝stungsspirale neue Instrumente von Transparenz entgegenzusetzen. Ich gebe allen Recht, die sagen: Kurzfristiger Erfolg ist wahrhaftig nicht gewiss. Aber ich glaube, es nicht zu versuchen, das w├Ąre nicht verantwortlich. Ich bin davon ├╝berzeugt: Wir d├╝rfen die Dinge nicht einfach laufen lassen. Wir d├╝rfen nicht zulassen, dass sie uns au├čer Kontrolle geraten. Sondern wir m├╝ssen den Risiken und Eskalationsgefahren verbindliche Regeln entgegensetzen. So schwierig es aktuell ist, und so lange es m├Âglicherweise dauern wird, ich bin ├╝berzeugt: dass auch da, wo die tiefen Gr├Ąben zwischen Ost und West in den letzten Jahren sichtbar geworden sind, wir trotzdem an dem Versuch festhalten m├╝ssen, Br├╝cken zu bauen. Ich bin davon ├╝berzeugt: alle Seiten verlieren jedenfalls, sollten wir uns in einen neuen R├╝stungswettlauf zwischen Ost und West begeben.

Zu unserer Arbeit an der internationalen Ordnung geh├Ârt auch, auf einer ganz grundlegenden Ebene, die K├Ąrrnerarbeit, die wir in den letzten Jahren in der Ausw├Ąrtigen Kultur- und Bildungspolitik geleistet haben. Auch sie versteht sich als ein St├╝ck Ordnungspolitik - f├╝r eine Welt, in der aus Unterschieden nicht Missverst├Ąndnisse, aus Missverst├Ąndnissen nicht Konflikte, aus Konflikten nicht Kriege werden.

Deutschland kandidiert f├╝r einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen f├╝r die Jahre 2019/20, als Ausdruck der Bereitschaft der deutschen Diplomatie, Verantwortung zu ├╝bernehmen, aber auch als Ausdruck unseres Vertrauens in eine multilaterale internationale Ordnung. Und ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, schon jetzt f├╝r Ihren Einsatz f├╝r unsere Kandidatur, bei dem Sie unsere Sonderbotschafter unterst├╝tzen werden.

Ich will Ihnen auch nahelegen, der "2030-Agenda" der Vereinten Nationen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dahinter stehen bemerkenswerte Erfolge der letzten Jahrzehnte, etwa in der Bek├Ąmpfung der absoluten Armut auf der Welt, die sich seit 1990 halbiert hat, oder der bemerkenswerte Fortschritt von Bildungs- und Gesundheitsversorgung in Teilen Asiens und Afrikas. Erfolge, die unseren Krisendiskurs in einen gr├Â├čeren Zusammenhang einordnen. Wenn man die Wahl h├Ątte, den Zeitpunkt seiner Geburt auf dieser Welt selbst zu bestimmen, so hat es US-Pr├Ąsident Obama in Hannover im April eindr├╝cklich formuliert, dann w├╝rde man die Welt von heute w├Ąhlen. Mit all ihren Krisen, ihren Ungerechtigkeiten, ihrer Unruhe. Dennoch in vielem die beste der Geschichte. Die 2030-Agenda formuliert ein ambitioniertes globales Transformationsprogramm, das Millionen Menschen Perspektiven auf ein besseres Leben er├Âffnet, und zu dem Deutschland und Europa viel beizutragen haben.

Drittens und alles ├╝berragend - brauchen wir ein geeintes, starkes Europa. Die Europ├Ąische Union ist und bleibt der entscheidende Bezugsrahmen deutscher Au├čenpolitik. F├╝r die deutsche Au├čenpolitik sage ich: Mit Europa spielt man nicht! Denn mit diesem Europa steht und f├Ąllt unsere Chance, gestaltend auf die globale Ordnung Einfluss zu nehmen. Ein geeintes Europa kann Magnet sein, die Mitgliedstaaten f├╝r sich allein sind kaum mehr als Eisensp├Ąne in der Welt von morgen.

Die EU muss handlungsf├Ąhig sein in den entscheidenden Fragen unserer Zeit: bei Sicherheit und Au├čenpolitik, beim Umgang mit den Herausforderungen und Chancen von Flucht und Migration, und in Wirtschafts- , Wachstums- und W├Ąhrungsfragen. Wir wollen eine "flexiblere Union", die sich der gro├čen Fragen wirkungsvoll annimmt, die aber nicht jeden Mitgliedstaat auf jeden weiteren Schritt gemeinsamen Handelns verpflichtet. Nicht der ist ein schlechter Europ├Ąer, der nicht von Anfang an bei jeder neuen gemeinsamen Initiative dabei ist. Es kann gleichzeitig aber auch nicht sein, dass diejenigen, die gemeinsam vorangehen wollen, an gemeinsamen Initiativen gehindert werden.

Genauso unerl├Ąsslich ist, dass wir es nicht zu einer Entfremdung der Europ├Ąer vom europ├Ąischen Projekt kommen lassen. Deshalb d├╝rfen wir die Debatte ├╝ber Europas Zukunft gerade jetzt nicht auf Br├╝sseler Sitzungss├Ąle beschr├Ąnken, auch nicht auf den Weltsaal des Ausw├Ąrtigen Amts. Welches Europa wollen wir? Welche Erneuerung braucht es? ├ťber diese Fragen m├╝ssen wir mit den Menschen in unserem Land beraten, diskutieren und wenn n├Âtig streiten. Einen Rahmen daf├╝r wollen wir in den n├Ąchsten Monaten mit Diskussionsforen, Townhall-Gespr├Ąchen und B├╝rgerwerkst├Ątten zimmern ganz im Geist unseres Review-Prozesses. Ich bin mir sicher: Bis zum 60. Jahrestag der R├Âmischen Vertr├Ąge im M├Ąrz n├Ąchsten Jahres kann das wichtige Impulse setzen.

Es ist viel in den Kommentaren von Deutschlands neuer Rolle die Rede. Manche kritisieren sie als zu dominant. Andere, lieber Witold, wie Dein Vorg├Ąnger Radoslaw Sikorski haben angemahnt, dass die Deutschen ihre F├╝hrungsrolle endlich annehmen sollen.

Aus meiner Sicht ist die besondere Herausforderung f├╝r deutsche Au├čenpolitik nicht die Frage, ob Deutschland die Zentralmacht Europas ist, sondern ob Deutschland es mit seinen engsten Partnern versteht, eine politische Mitte zu schaffen und zu bewahren, aus der heraus ein gemeinsames, starkes Europa handeln kann.

Meine Damen und Herren,

In der Zeitschrift "Foreign Affairs" habe ich im Fr├╝hjahr versucht, die Ver├Ąnderungen der Rolle Deutschlands ├╝ber die letzten 20 Jahre hinweg zu analysieren. Ich habe Deutschland darin als "Reflective Power" beschrieben: Es ist ja nicht leicht, einen pr├Ągnanten und treffenden deutschen Begriff daf├╝r zu finden: "Nachdenklich" trifft es nicht wirklich,"gr├╝blerisch" nun erst recht nicht. Nein,"reflective" steht vielmehr f├╝r ein waches Bewusstsein der fortdauernden Eigenheiten der deutschen Rolle. Aber auch f├╝r ein Selbstbewusstsein im besten, das hei├čt reflektierten Sinne: Wir sind bereit, jenseits unserer eigenen Grenzen und auch global mehr Verantwortung zu ├╝bernehmen. Auch wenn wir diesen Status nicht aktiv angestrebt haben, sondern es eher die Ver├Ąnderungen der Welt um uns herum waren, die uns in diese Rolle gef├╝hrt haben, nehmen wir diese au├čenpolitische Verantwortung an.

In der Art und Weise, wie wir das tun, zeigen sich unsere besonderen historischen Erfahrungen. Dazu geh├Ârt auch das Wissen, dass es in derselben Realit├Ąt oft mehrere Wahrnehmungen dieser Realit├Ąt gibt, die miteinander konkurrieren. Dass, wie Kissinger gesagt hat, unterschiedliche Wahrnehmungen Teil der Realit├Ąt sind, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Dass wir uns mit Blick auf die neuartigen Konflikte im Mittleren Osten und in Teilen Afrikas vereinfachende Schwarz-Wei├č-Zeichnungen und "Gut und B├Âse" -Einordnungen in der Analyse m├Âglichst nicht erlauben sollten. Das verstellt eher den Blick zur L├Âsung. Auch die Erfahrung, dass es keine Erfolgsgarantie f├╝r au├čenpolitische Bem├╝hungen gibt, geh├Ârt zu diesen Erfahrungen. Dass aber in dieser krisenbefangenen Welt, in der wir leben, die fehlende Erfolgsaussicht niemals Rechtfertigung f├╝r den Verzicht auf neue Anstrengungen sein darf. Diese Erfahrungen und die Lehren, die wir aus den vergangenen Jahren gezogen haben, bilden das Fundament und den Rahmen f├╝r den Einsatz unserer au├čenpolitischen Instrumente.

Wir sind heute ein st├Ąrkerer Ausw├Ąrtiger Dienst als vor drei Jahren. Aber darauf k├Ânnen und d├╝rfen wir uns nicht ausruhen. Diplomatie ist ein Gesch├Ąft mit Zukunft aber einfacher wird dieses Gesch├Ąft nicht. Ganz im Gegenteil. Nehmen Sie diese Herausforderung an. Und tun Sie es, wo und wie immer Sie k├Ânnen, an Ihren Dienstorten gemeinsam mit Ihren franz├Âsischen und polnischen Kolleginnen und Kollegen.

Vielen Dank.